netzeitung.deDer Bundestrojaner ist da - made in China

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Was die Chinesen so alles einschmuggeln: Trojanisches Pferd in Erfurt (Foto: Mario Gentzel dpa/lth<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Was die Chinesen so alles einschmuggeln: Trojanisches Pferd in Erfurt
Foto: Mario Gentzel dpa/lth
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Chinesische Schnüffelprogramme in deutschen Regierungscomputern sorgen in den Weblogs für Spott. Außerdem: Rassismus im Fußball, mehr Genussmittel und weniger Alltagsbarrieren. Der Blogblick.

Ausgerechnet die Regierung und ausgerechnet Trojaner: Nichts hat die deutschsprachige Blogwelt in den vergangenen Monaten so erregt wie die immer neuen Vorschläge, Anregungen und Ankündigungen des Innenministers Wolfgang Schäuble, am besten ganz Online-Deutschland mit dem so genannten Bundestrojaner unter Dauerüberwachung zu stellen.

Und nun haben sich das Bundeskanzleramt sowie dem Vernehmen nach mehrere Ministerien offensichtlich selbst einige Trojaner eingefangen - und zwar chinesische. Glaubt man den offiziellen Darstellungen, so ist darin nichts Schlimmes zu sehen. Der Angriff sei rechtzeitig bemerkt worden, Daten seien deshalb in jüngster Zeit nicht geklaut worden, Angela Merkel habe das Problem beim China-Besuch gleich angesprochen und die Chinesen hätten daraufhin Besserung gelobt. Puh - das ist ja nochmal gut gegangen.

Oder doch nicht? Viele gute Fragen stellt Blogger whs in seinem «PC-Magazin»-Weblog: «Wie schlecht sind die Regierungsrechner geschützt, wenn sich ein Trojaner dort massenhaft verbreiten konnte? Warum haben die Virenschutzprogramme auf den Bundesrechnern die Trojaner nicht gefunden? Vielleicht weil Virenschutzprogramme staatliche Trojaner im allgemeinen nicht finden? Handelt es sich um eine Variante des chinesischen Staatstrojaners? Könnte das chinesische Tool nicht ein gelungenes Vorbild für den Bundestrojaner werden? Undsoweiter, undsofort - jede Frage ist gleichzeitig ein gelungener Scherz.

Im Blog Erkenntnis und Entertainment geht Bernd noch einen Schritt weiter und meint: «Der Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft ist mittlerweile so arg, dass Herr Schäuble seinen 'Bundestrojaner' schon in China programmieren lassen muss. Immerhin: Auf den Rechnern der Regierung funktioniert die Online-Durchsuchung bereits super.» Thorsten, Puzich.com, weiß Genaueres: «Die Chinesen haben auf Bundesregierungsrechnern Trojaner installiert bekommen. Diese wurden versteckt in Powerpointdateien geliefert. Ich frage mich, was die Beamten in den Powerpoint-Dateien erwartet haben, die aus China kamen bzw. sicherlich von einem unbekannten Absender?»

Oliver Schönknecht hebt in seinem Myspace-Blog eher auf einen politischen Aspekt ab: «Der gute Westen, der böse Osten - Industriespionage ist aus chinesischer Sicht seit langer Zeit bereits ein bekanntes Werkzeug und jetzt sollen genau die Leute, die ihr eigenes Internet so strikt kontrollieren, dass das Surfverhalten des eigenen Volkes fast gänzlich reglementiert wird, dies auch noch auf dem Datenhighway betreiben? So schön sich auch das 'Feindbild' des kommunistisch angehauchten Chinas in den Postillen dieser Welt verkaufen mag, so unrealistisch sehe ich wirklich die Chancen.»

Auch Karl Olsberg macht sich so seine Gedanken, und was er denkt, ist nicht ohne: «Viel schlimmer wäre es, wenn man keine Trojaner auf Regierungscomputern fände - das hieße dann nämlich nicht, dass keine da sind, sondern nur, dass sie zu gut versteckt sind. Wobei die Tatsache, dass man welche gefunden hat, im Umkehrschluss natürlich nicht bedeutet, dass nun keine mehr unentdeckt geblieben sind. So etwas wie ein hundertprozentig sicheres System gibt es nicht.»

Rollmops im Kanzlerbunker heißt ein Weblog, das sich zumindest dem Namen nach ja mit dem Regierungsoberhaupt auskennen müsste. Was also kann dieses Fachblog zur Diskussion beisteuern? «Das ganze Brimborium um die angeblichen chinesischen Regierungshacker, die verschiedene deutsche Amtsstuben im Visier hatten, ist zwar völlig irrelevant, weil jeder PC, der online ist, permanent solchen Angriffen ausgesetzt ist. Trotzdem ist es geeignet, um Otto Durchschnittsbürger mal aufzuzeigen, dass Daten niemals als sicher gelten können - zumindest, wenn damit auch gemeinsam gearbeitet werden soll. Das gilt natürlich auch für die ganzen Bürgerdaten, welche die Regierung bereits sammelt, oder noch vorhat einzusammeln.»

Im Blog Füllhöhe technisch bedingt bringt man die chinesischen Trojaner mit den Auswirkungen des so genannten Hackerparagrafen zusammen: «Die Administratoren, auch die der betroffenen Ämter, haben nun nicht mehr die Möglichkeit, mit speziellen Programmen die Sicherheit der Netzwerke zu überprüfen. Diese wurde durch den Gesetzgeber unter dem Deckmantel der 'Hacktools' zusammengefasst und verboten. Anhand dieses Beispieles wird deutlich, dass der Kurs der Bundesregierung keinesfalls zur Sicherheit der Bürger beiträgt.»

Einfach nur noch hämisch und derb kommentiert kimschmitzii im Weblog Alles dreht sich im Kreis: «Schäuble, der Irre, will die Onlinedurchsuchung, jetzt hat er sie, im eigenen Haus. Und natürlich ist das Geschrei groß. Schäuble kriegt von mir dazu folgenden Titel verliehen: Vollidiot im Amt. Und die Altnazis vom BND (ich verachte diesen undemokratischen Verein) brauchen sich auch nicht zu verstecken.»

Selbst in der Schweiz hat man schließlich seine Freude an diesem auf den ersten Blick chinesischen, auf den zweiten aber sehr deutschen Thema gefunden. Das Blog Genevainformation fragt sich «nur, wo das Problem ist. Denn die Bundesregierung ist ja einerseits anständig(tm) und hat andererseits nichts zu verbergen(tm), oder?» Das Weblog hat den Eintrag mit der sehr schönen Überschrift «Kompetenzzentrum Bundestrojaner» versehen.


Anhang

+++ Andere Sitten: Unten am Hafen freut man sich über eine «Kaffee-Flatrate für unbegrenzten Kaffeegenuss in jeder Tchibo Filiale mit Ausschank bis zum 31.10.07»; Jürgen, Cheers - auf uns!, war in Tirol, wo viele «anstatt 'super', 'toll' oder gar 'klasse!' tatsächlich 'bärig!' sagen». Er zeigt auch einige Fotos.+++ Na Logo: Dem Fontblog hat das neue Corporate Design der diesjährigen Bundesgartenschau-Stadt Gera ganz und gar nicht gefallen; das Weblog Companice berichtet vom Open Logo Project einst und jetzt. +++ Sport: Der schwarze Blog freut sich, dass es im Profi-Fußball endlich Konsequenzen für rassistische Beleidigungen gibt und hofft, «dass demnächst auch gegen Fans bzw. deren Mannschaften eingeschritten wird, die rassistische und antisemitische Äußerungen für eine geeignete Unterstützung ihrer Teams halten.» Das Billigblog rät, durch Eigenleistung Baukosten zu senken und sieht deswegen «die Muskelhypothek wieder in Mode» kommen.+++ «9 to 5»: Liz, Liz's blogging, war maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung des «9 to 5»-Kongresses beteiligt. Ihr Fazit fällt begeistert aus, und doch fehlte auch was: «Die Kommunikation über die kleinen Alltagsbarrieren hinweg. Über die Räume hinweg, über den Bekanntheitsgrad hinweg, über die Bewunderung hinweg, über die Treppen hinweg, über die Arroganzen hinweg. Nur so als Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Es geht um mehr als Projekte. Es geht immer um tausend mal mehr.» +++ Genuss: Anke Gröner wünscht sich ein «Genussmittelrezensionsblog. Mit Schokoladenbesprechungen von Andrea und Weinabhandlungen von Holgi.»

Für das Web ediert von Maik Söhler